Die beste aller Welten

... ist eine, in der niemand vergessen wird. Deshalb sollte man beim Thema Diversität noch ein Stück weiter über den Tellerrand schauen.

Wenn von Diversität und Inklusion die Rede ist, liegt der Fokus zumeist auf Geschlecht, Alter, Hautfarbe, ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung sowie körperlichen und geistigen Behinderungen. Das ist schon mal ein guter Anfang, aber die Reise ist noch nicht zu Ende. Denn die Liste der Gründe, aus denen Menschen in der Arbeitswelt Diskriminierung erfahren, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als deutlich länger. Auch wenn moderne Unternehmen mittlerweile nicht müde werden, zu beteuern, wie wichtig Vielfalt für den Erfolg ist: Wenn eine marginalisierte Gruppe keine verwertbaren Merkmale aufweist, wird sie in den Diversitätsbemühungen häufig ausgespart. Werbeplakate, auf denen gezeigt wird, wie liebevoll der Arbeitgeber mit drogensüchtigen Lehrlingen umgeht, sind ebenso Mangelware wie Stellenanzeigen, in denen chronisch Kranke, Menschen mit psychischen Problemen, Analphabeten oder Vorbestrafte ausdrücklich willkommen geheißen werden.

Auch das soziale Milieu und die finanzielle Situation, die oft für Ausgrenzung aus dem Berufsleben sorgen – Stichwort: Obdachlose – werden selten in Diversitäts-Workshops thematisiert. Und dass laut zahlreicher Studien schönere Menschen immer noch die besseren Jobchancen haben, nimmt die Mehrheit ohnehin als gottgegeben hin. So gilt etwa ein hoher Body-Mass-Index nach wie vor als Karrierebedrohung – besonders für Frauen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Experiment der FH Burgenland, das mithilfe modernster Emotionsmessungen und Eye-Tracking-Methoden durchgeführt wurde. Studienautorin Verdrana Vasicek konnte dabei beobachten, dass übergewichtige Bewerberinnen bei Personalverantwortlichen die negativsten Gesichtsausdrücke auslösten.

Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass Frauen mit einem höheren BMI um bis zu zwölf Prozent weniger verdienen als ihre schlankeren Kolleginnen und sich das Körpergewicht auch auf die Chancen auswirkt, überhaupt eingestellt zu werden. In Großbritannien kam vor Kurzem ein Vorschlag aus der Regierung, übergewichtigen Arbeitslosen eine Abnehmspritze zu verpassen, damit sie rascher wieder einen Job finden. Eine Methode, die nicht nur bei Gesundheitsexpert:innen für Kopfschütteln sorgt. Dass dickere Menschen abnehmen müssen, um ihren Beruf ausüben zu dürfen, anstatt dass sich die Arbeitswelt ändert – das kann eigentlich nur ein schlechter Scherz sein. Bevor jetzt aber irgendein „witziger“ alter weißer Mann behauptet, dass wir gern eine Quote für „dicke, hässliche Frauen“ hätten: Nein, wir hätten gern eine verantwortungsvolle Gesellschaft, in der jeder Mensch automatisch gleich viel wert ist. Und dafür brauchen wir Rekrutierer und Führungspersonen, die aktiv ihre Vorurteile reflektieren – damit Diversität nicht nur als Marketingstrategie existiert, sondern als gelebte Realität.

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